Manuel Dahme

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Johann Sebastian Bachs weltliche Kantate Amore traditore (BWV 203) für Bass und Basso continuo ist ein interessantes Werk in italienischer Sprache. Es ist nur eine weitere Kantate mit italienischem Text Bach zu geschrieben. Die Autorschaft ist umstritten, es existiert kein Originalmanuskript. Breitkopf listet 1764 und 1765 in seinem Katalog eine Handschrift der Kantate als Manuskript inklusive Incipit auf Die Abschriften beruhen wahrscheinlich auf dieser Stammhandschrift. Die älteste erhaltene Abschrift stammt aus den 20er oder 30er Jahren des 19. Jahrhunderts. Auch hier ist Bach als Komponist vermerkt.

Die Besetzung scheint für Bach untypisch zu sein, seine Kantaten sind immer auch für Melodieinstrumente gesetzt. Doch der Form nach handelt es sich zunächst um eine standardmäßige italienische Kammerkantate, die Bach spätestens in seiner Zeit in Köthen kennengelernt haben muss.

Die Kantate besteht aus zwei Arien und einem Rezitativ. Die erste Arie vertont den verräterischen Aspekt der Liebe in vielen unerwarteten harmonischen Wendungen. Sie sind jedoch geprägt von Bachs persönlichen Stil. Es ist schwer zu glauben, dass sie nicht von ihm stammen könnten. In der letzten Arie, für Cembalo obligato und Bass, hingegen gibt es weite Passagen, deren Stimmführung und Setzung so gar nicht nach Bach klingen, während andere wieder genau in sein Schema passen. Unter anderem liegt der Solobass mehrmals unter der Continuolinie. Diese Seltsamkeit würde mit der Benutzung eines Cembalos mit 16' rationalisiert werden. Leider steht in diesem Mitschnitt kein 16' Register zur Verfügung.

Auch in der Bassarie des Magnificat von Bach befindet sich die Bassstimme häufig unter der Generalbasslinie. Doch auch hier ist es wahrscheinlich, dass ein 16' Streichbass oder Orgelregister mitpsielt, und somit die Continuostimme wieder unter dem Gesang liegt.

Nun stellt sich die Frage, wer, wenn nicht Bach, die Kantate komponiert haben könnte. Trotz des italienschen Textes ist die Vertonung im Stil sehr deutsch. Eine Theorie wäre, dass Bach die zweite Arie irgendwo kennen gelernt (es könnte sie jemand aus seinem Umkreis komponiert haben) und dazu selber einen ersten Satz und das Rezitativ komponiert hat.

Interessant ist, dass Nicola Fago, ein neapolitanischer Komponist eine Generation nach Alessandro Scarlatti, den Text im komplett gleichen Wortlaut auch als Kantate vertont hat, allerdings für Sopran und Continuo. Eine Abschrift liegt heute im Archiv der Singakademie Berlin. Es ist durchaus möglich, dass Bach diese Kantate in Erfahrung gebracht hat und denselben Text  dazu passend im italienisierenden Stil vertonen wollte. Daraus könnten sich die für Bach ungewöhnlich vollen Akkorde in der linken Hand in der zweiten Arie erklären.

Wie genau und durch wessen Feder die Kantate entstanden ist, wird sich vermutlich nie klären lassen.

1. Aria. Amore traditore - Nevio Trivat, Manuel Dahme
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2. Recitative, Voglio provar - Nevio Trivat, Manuel Dahme
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3. Aria, Chi in amore ha nemica la sorte - Nevio Trivat, Manuel Dahme
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Berichten zu Folge lernte der in Würzburg ansässige Komponist Giovanni Benedetto Platti in Italien Bartolomeo Cristofori und sein „cembalo a marteletti“ (erster Entwurf eines Hammerflügels) kennen. Belegen lässt dies sich allerdings nicht. Zwar sind seine op. I (1742) und op. IV (1746) beide als Cembalosonaten veröffentlicht, doch der sehr galante Stil, quasi das Äquivalent zum Sturm und Drang in der Literatur, passt auch sehr gut auf einen Hammerflügel. Der erste Hammerflügel am Würzburger Hof taucht allerdings erst 1802 in den Listen auf, zuvor gibt es keinen anderen Hinweis auf vorhandene Tasteninstrumente. Auch war das „forte-piano“ in den 1740er Jahren in Franken sicher noch nicht weit verbreitet. Dies wird Platti veranlasst haben, die Werke als Cembalosonaten zu veröffentlichen, um sie so einem breiteren Publikum attraktiv verkaufen zu können. Die Sonate op. IV Nr. 2 (I 109) unterscheidet sich stilistisch deutlich von Plattis Instrumentalsonaten für beispielsweise Violoncello oder Oboe. Schnelle Affektwechsel (z. B. im ersten Satz Fantasia – Allegro) zeigen eine gewisse Ähnlichkeit zum empfindsamen Stil der Berliner Schule rund um Carl Philipp Emanuel Bach. Zwar treibt Bach diese Art der Komposition zur gleichen Zeit noch ins Extreme, doch ist auch bei Platti eine deutliche Flexibilität im Tempo und Lautstärke vorhanden.

1. Fantasia- Allegro - Manuel Dahme
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Platti, 2. Adagio - Manuel Dahme
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3. Allegro - Manuel Dahme
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4. Allegro - Manuel Dahme
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